Phänomene des modernen Großstadtdschungels
Wer von Wandsprüchen und Graffiti spricht, spricht von Kunst und Vandalismus, von Poesie und Provokation, von Ästhetik und Widerstand, von Kult und Kommunikation. Die faszinierende Vielfalt und die spannenden Widersprüchlichkeiten dieser Phänomene des modernen Großstadtdschungels sind en anragend .Graffiti sind urbane Volkskunst. Die gesprayten Bilder und Hieroglyphen sind aus den heutigen Stadtbildern nicht mehr wegzudenken. Sie sind Ausdruck des Lebensgefühls jugendlicher Subkulturen. Die Wandsprüche und Malereien entstehen bei Nacht und Nebel. Sie beschäftigen vor allem die Strafbehörden.
Die Amsterdamer Kunstler Hugo Kaagman zeigt, daß es sich um künstlerisch Hochstehendes handelt. Geboren in Haarlem in die Niederlanden, war er einer der Amsterdamer Hauptfiguren in der Graffiti- und Punk-Bewegung der frühen achtziger Jahre. In 1977 begann Kaagman seinen eigenen Graffitistil zu entwickeln. Die meisten seiner Arbeiten realisierte er anhand von Schablonen in der Verbindung met Sprühdosen und mit dem Airbrushverfahren. Er übernahm verschiedene Motive der Punk- und reggae-Kulturen in sein Werk. Typisch für seine Arbeit ist die symmetrische Komposition, die Wiederholung und die Spiegelung der Motive. In 1985 war Kaagman als Graffitikünstler in der Amsterdamer Innenstadt berühmt. Kaagman reflektiert durch sein Werk die gemeinsamen Resourcen westlicher und nichtwestlicher Kulturen. Während seiner Reisen durch Länder wie Marokko und Senegal entdeckte er die spezifisch traditionellen Motive und handwerklichen Gestaltungsweisen der Kulturen dieser Nationen. Beim Erforschen anderer Kulturen wurde er der seines eigenen Landes bewusst. Er begann nach den typisch niederländischen Motiven zu suchen. Sein starker Wunsch ist es, die Kulturmotive der eigenen Nation zu erhalten. Er tut das, indem er sie mit zeitgenössischen und fremde Motiven verbindet.
Während Kaagmans Kunst ein Schmelztiegel von Bildmotiven verschiedener Kulturen ist, ist sie ebenso ein Transportmittel für seine ironischen Kommentare zu politischen oder zeitgeschichtlichen Ereignissen. Die hervorstehende Charakteristik der jüngsten Kaagman-Kunst ist die farbe Blau in ihrer Verbindung mit Kultursymbolen. In Kaagmans Augen hat die kommerzialisierung die niederländische Kultur, symbolisiert durch das einst edle delfter Blau, zum Souvenirabfall entwürigt. Statt gemütlicher häuslicher Szenen mit malerischen Windmühlen gibt es Krieg. Kaagmans Botschaften sind mehrdeutich.
In seinen neuesten Arbeiten beschäftigt er sich mit der japanischen und französichen Kulturtradition. In den kommenden Jahren möchte er seine Studien der Clichees verschiedener Kulturen weiterintensivieren. Er hat mehrere Aufträge für Wandmalereien realisiert, einige Mauer, Tunnel, einer 50 Meter lange Wand für den Flughafen Amsterdam-Schiphol, fünfzehn Boeings von der British Airways und einschließlich Auftrage in Japan, England, Amerika, Curacao, Afrika, und Deutschland, Rusland, Griechenland.
Kitsch-Art
Auch das interessante Werk des Spraykünstlers HUGO KAAGMAN
handelt unterschwellig von der Religion. Kaagman war einer der
Amsterdamer Hauptfiguren in der Graffiti- und Punk-Bewegung der frühen
achtziger Jahre. Er entwickelte sich dabei zu einem Kitschkritiker. In seinen
Augen hat die Amerikanisierung die niederländische Kultur, symbolisiert durch
das einst edle Delfter Blau, zum Souvenirabfall entwürdigt. Statt gemütlicher
häuslicher Szenen mit malerischen Windmühlen gibt es Krieg. Rettet die Welt
heißt die Devise. Pisa, der Touristenturm aller Touristentürme,
erscheint gleich viermal Oder sollte sich dort Heil abzeichnen ? Die vierTürme
weisen auf ein weißes Kreuz. Alle symmetrischen Kompositionen im Quadratformat
lassen an Mandalas denken. Sie erinnern auch an das quadratische format der
alten Delfter Kacheln. Ob eine Rettung der Vergangenheit oder von der Religion
erhofft werden darf - Kaagmans mehrdeutite Botschaft wagt es nicht, Lösungen
anzubieten.Von der Religion ist es nur ein kleiner Sprung zur Sage und zum Märchen
in alter und neuer Form. Wie man bei Pierre et Gilles gesehen hat, fallen
Phantasiewelten gern gefühlsbetonter aus als die prosaische Alltagswirklichkeit.
Wunschbilder neigen daher leicht zur Süßlichkeit, zum »Kitschigen«, eine
leichte Zielscheibe für den Spott; für den spielerischen Geist der Niederländer.
Gregory Füller, Kolln, Deutschland, 1994, Taschenbuch Verlag © Hugo Kaagman